dorfstube in düsseldorf-oberkassel – ernstgemeinter schwarzwald

 in fremden städten verlässt man sich gern auf empfehlungen der einheimischen bevölkerung. zumal wenn diese aus einer freundin besteht mit der man viele gastronomische vorlieben teilt. ich bedurfte einer empfehlung für ein quasi informelles geschäftsessen mit ebenfalls quasi informellem kulinarischen anspruch an einem sonntagabend in düsseldorf. ich bekam einige vielversprechende empfehlungen und was anderes habe ich von düsseldorf auch nicht erwartet. unerwartet waren jedoch deren öffnungszeiten. sonntag und montag hat tout düsseldorf zu! die einzige empfehlung die übrig blieb, war die vor kurzem eröffnete dorfstube auf der linken rheinseite. im internet wird sie auch schon als kulinarische aufwertung besagter rheinseite zelebriert.

aus berlin kommend sind einem rive gauche und rive droit animositäten nicht ganz fremd, obwohl in der kapitale die unterscheidungen bekanntlich nach den himmelsrichtungen vorgenommen werden. und auch wie in düsseldorf meistens nur vom einheimischen personal. mein reizender begleiter jedenfalls reservierte ungehemmt von der riversidefrage einen tisch, von dem ihm am telefon versichert wurde, es sei der letzte freie. froh unseren abend gesichert zu haben, bestiegen wir ein taxi, nicht ohne während der fahrt unsere kulinarischen aussichten zu besprechen. die dorfstube wird nämlich von einem männlichen spross der familie bareiss aus beiersbrunn im schwarzwald betrieben, die ebenda in langer tradition ein hochdekoriertes hotel nebst ebenfalls hochdekoriertem restaurant betreiben. die wiederentdeckung deutscher kulinarischer traditionen ist ein erfreulicher trend, der in berlin durch lokale wie das alpenstück mit mindestens einem augenzwinkern erfolgreich repräsentiert wird. einrichtung und speisenkarte verneigen sich hier vor traditionen, die für den skepsisdeutschen in einen weitläufigeren, weltoffeneren kontext gestellt werden.

in erwartung einer ähnlichen konstellation erreichten wir nun die dorfstube. das äussere erscheinungsbild war noch recht baustellig inkl. bauzaun und angehäufter baumaterialien. aus berlin kommend ist man baustellen gewohnt und übersieht derlei kleinigkeiten gerne. beim reinkommen wurden wir sehr freundlich empfangen, zwei junge männer in einem semitrachtenoutfit nahmen sich unserer mäntel an und geleiteten uns in der halbvollen stube ( das wort drängte sich ganz unbewusst angesichts der holzdominierten einrichtung auf) an einen tisch, von dem sich aber in kürzester zeit herausstellte (wie ist mir verborgen geblieben), dass es nicht unserer war. sehr freundlich wurden wir in eine weitere nicht ganz halbvolle stube(das viele holz!) geleitet und an den offensichtlich richtigen tisch plaziert. hier hatten mein reizender begleiter und ich die erste gelegenheit uns leicht konsterniert in die augen zu schauen. die semitracht des nur männlichen personals, das massive geschnitzte holzvorkommen an wänden und mobiliar, die vielen leinen/karo/spitzenkissen, der kachelofen, die schwarzwalduhren.. es ist alles unmissverständlich ernstgemeint. kein augenzwinkern weit und breit! selbst der kerzenständer in form eines silbrigen hirschgeweihs wollte irgendwie ernst genommen werden. das ging dann aber gar nicht. dem holz und den uhren und selbst den betrachteten jungen männern hat man eine art ernsthaften versuch abgekauft, den schwarzwald nach düsseldorf bringen zu wollen. aber die kerzenständer waren strauss innovation. spätestens bei dieser erkenntnis bedauerte ich es ein bisschen, für die empfehlung des abends zuständig gewesen zu sein. zuviel des guten ist bekanntlich nie gut. aber nach einem kurzen augenblick des sammelns, hat mein reizender begleiter gentlemenlike diesen leicht skurrilen aspekt des abends nicht mehr erwähnt.

wir vertieften uns erstmal in die karte, die ebenfalls komplett ernstgemeinte scwarzwälder/badische spezialitäten im angebot hat. das ist ja eigentlich für sich genommen schön und so studierten wir hin und hergerissen das solide angebot. maultaschen in verschiedenen variationen, sülzchen, vesperplatten, linsenspezialitäten die entscheidung fiel gar nicht so leicht. mein reizender begleiter entschied such für einen feldsalat mit speck und einer roulade vom weiderind. ich für einen mittleren gemischten salat und den linsen mit würstchen und spätzle. getränketechnisch blieben wir zunächst beim bier aus dem zinnseidel. urig aber doch ein bisschen unpraktisch beim trinken mit dem deckel und so. die salate waren seriös und gut. mein gemischter salat enthielt einen hohen kartoffelsalatanteil, auf den ich gern verzichtet hätte den erwartungsgemäss waren die portionen der hauptspeisen mehr als ordentlich. auch bei den hauptspeisen dominierte das seriöse und es gab es keine klagen aber auch keine geschmacklichen revelationen. geschweige denn revolutionen. das preisniveau ist für berliner verhältnisse recht hoch, für düsseldorfer wahrscheinlich ok. beim wein fiel mir wieder auf, wie günstig man in berlin doch lebt.

 während wir so assen, mussten wir uns dich ein bisschen darüber wundern, dass wir angeblich bei der reservierung den letzten tisch ergattert hatten. ein mysterium, denn die dorfstube blieb halbvoll. bei betrachtung der anderen deutlich älteren gäste konnte man auch nicht anders als zu bemerken, dass diese in einer anderen zeit sozialisiert worden sind. in einer zeit als sich mallorca noch nicht als reiseziel nummer eins für deutschlands reich und arm positioniert hatte, in einer zeit als man seinen düsseldorfer wohlstand in den schwarzwald trug und dort vor guten hotels solide mit einem dicken mercedes vorfuhr. die gattin im pelz versteht sich. mit düsseldorfer verhältnissen nicht vertraut, bin ich mir nicht sicher, ob diese aussterbende zielgruppe die verschiedenen räume der dorfstube anhaltend ausfüllen kann bzw. ob die jüngere düsseldorfer trendsetteria sich des ladens annehmen wird. in berlin würde meine prognose eher negativ ausfallen. weil thema zu ernst genommen!

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