Guter Fisch – schlechter Fisch

Fisch ist mein kulinarisches Dilemma. Seit einigen Jahren sickert das Thema der bedrohlichen Überfischung in mein fischaffines Hirn und hat dort zunächst nur für schlechtes Gewissen und dann für konkrete Kaufverbote gesorgt. 

Der absolut überfischte Thunfisch wurde zuerst von meiner Speisenkarte gestrichen. Was für ein herber Verlust! Keine gegrillten Thunfischsteaks mehr, kein Sushi vom Thunfisch, kein pikanter Thunfischsugo zu den Spaghetti und vor allem KEINE THUNFISCHPIZZA mehr. Es ist wirklich zum Heulen. Ich habe sogar Thunfisch aus der Dose gerne gegessen…..

Der Verzicht auf antibiotikaverseuchte, unter fürchterlichen Bedingungen meistens in Asien gezüchtete Fischsorten wie Tilapia, Pangasius und Wels oder der schreckliche allgegenwärtige Viktoriabarsch aus Afrika ist mir hingegen extrem leichtgefallen. Da ist es mir eher ein Rätsel, warum man die überhaupt essen sollte.

Bei Kabeljau muss ich jetzt immer nachfragen, wo er her kommt, Dorade gibts nur noch aus Bio-Aquakultur, Dorsch ging lange nicht, aber jetzt wieder (Toll, Fischbestände können sich erholen!), Aal sollte ich auch nicht mehr essen. Der Fischratgeber von Greenpeace ist meine Bibel.

Als ich neulich von Slow Food zum Fish Dependance Day in die Markthalle 9 eingeladen wurde, war ich zunächst etwas irritiert.

Der Fish Dependance Day eines jeden Landes wird jährlich afs neue ausgerechnet. Er markiert den Tag an dem die eigenen Fischbestände des jeweiligen Landes erschöpft sind und mit dem Fischimport aus anderen Gewässern begonnen werden muss. Dieser Tag lag für Deutschland in diesem Jahr auf dem 20. April! Schon früh, oder?

Warum man diesen Tag mit einem Fischmarkt und einem Fischessen begehen sollte, leuchtete mir ehrlich gesagt nicht gleich ein. Es geht doch um Verzicht!

Dann habe ich nochmal ein bisschen drüber nachgedacht und meine Irritation beruhigt. Es sollte ja ein nachhaltiger Fischmarkt sein. Mit Fischen die ich guten Gewissens kaufen kann. Und das Essen sollte von Sterneköchen zubereitet werden, die sich intensiv mit dem Thema beschäftigen. Das ganze umrandet von Diskussionen mit Menschen, die sich noch intensiver mit dem Thema beschäftigen. Also bin ich gerne hingegangen. Ganz ehrlich: das Menu klang auch ziemlich gut!

Es gab zu Essen:

Bio Seesaibling, konfiert, mit grünem Spargel und asiatischen Aromen von Thomas Kammeier aus dem Hugos in Berlin

Fischsuppe aus der Probstei mit frischen Tagesfang vom Ostseekutter von Jan Meyer, Fischer UND Koch im Ostseehotel Seestern Kalifornien (gelegen im Ort Kalifornien YEAH!)

Gegrillter Nordsee-Glattbutt mit Sauerampfer und Kümmel von Alexandro Pape vom Fährhaus Sylt

Alle drei Fischgerichte waren ausgezeichnet. Der Seesaibling zerging auf der Zunge, die Fischsuppe strotzte vor Fisch und der Glattbutt war mit dem Sauerampfer sehr glücklich. Ich auch. 

Die Ostseefischer aus Kalifornien hatten auch einen eigenen Verkaufsstand. Sehr zünftig wurde der frische Fisch in großen Plastikkästen auf viel Eis präsentiert. Dazu gab es die Reusen zu besichtigen, mit denen der Fisch traditionell und nachhaltig gefangen wird. Da haben sich bei mir spontan Urlaubsgefühle und eine latente Seesucht ausgebreitet.

Geradezu elegant dazu im Vergleich das Fischangebot von Biolüske. Die Mischung aus vom Hiddenseer Kutter gefangenen und in Bio-Aquakulturen gezüchteten Fischen war wirklich malerisch in der Verkaufstheke drapiert.

Der Ernst des Lebens kam dann in den Diskussionen zu Tage. Die fischreichhaltigen somalischen Gewäser werden von internationalen Fischereiflotten leergefischt. Das ist ein lukratives Geschäft. Die verarmten Fischer werden zu gewalttätigen Piraten. Die Piraten werden von einigen Ländern kostenintensiv militärisch verfolgt. Das zahlen die Steuerzahler der jeweiligen Länder! Ein schrecklich bizarrer Kreislauf. 

Dann wird überall propagiert, Fisch sei gesund und günstig und alle müssten mehr Fisch essen. Die Wahrheit ist: Fisch ist zwar gesund, aber wir sollten alle weniger Fisch und dafür nachhaltig gefangenen essen. Der ist aber nicht so günstig, weil er nicht von Industriefischerbooten tonnenweise gefangenen wird, sondern von Fischern, die ein Handwerk ausüben und davon leben müssen und sollen.

Ich möchte mir nicht vorstellen wie die Welt ohne Fisch und ohne Fischer sein wird. Ich bin entsetzlich romantisch und denke an kleine Häfen, an Fischerkutter und an Hafenlokale die wirklich frischen Fisch anbieten. Es lebe der romantische Fisch!

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