Auberge Maréchal Ney – irgendwie französisch

Freunde der französischen Küche werden mir sicher widersprechen, wenn ich behaupte, dass diese irgendwie (merke: bewusstes Einsetzen von irgendwie!) out ist. Klassiker sind nie out, werde ich zu hören bekommen.
Das stimmt auch, irgendwie (merke: zum zweitenmal bewusstes Einsetzen von irgendwie). Trenchcoats kann man z.B. auch immer tragen und wenn die richtig getragen werden, sehen sie auch immer gut aus. Es gibt aber Jahre da sieht man mehr Trenchcoats als sonst
und in der Vogue werden sie vielleicht alle 10 Jahre mal gehypt. Dazwischen ist es still um den Trenchcoat, genauso wie es gerade still um die französische Küche ist. Der Aufschwung der hypermodernen spanischen Küche hat den französischen Klassikern
schon zu schaffen gemacht und sie einiges an internationaler Aufmerksamkeit gekostet.
Freunde der französischen Küche werden sagen, wo es bergab geht, geht es auch wieder bergauf. Und recht haben sie! Irgendwie (merke:…). Denn es kommt die Zeit, in der man sich vom modernen SchnickSchnack abwendet und sich zurückbesinnt auf die Klassiker. Die Zeit ist nah. Vielleicht irgendwie () auch schon da.
Jedenfalls hat in Berlin Mitte dieses Jahr ein französisches Restaurant aufgemacht und das ist schon lange nicht mehr passiert. Und es wird auch gut besprochen.Als Geheimtipp gar!  Also nichts wie hin. Reizenderweise werde ich zum Abendessen eingeladen. 
Das Restaurant heisst Auberge Maréchal Ney und das stimmt mich irgendwie! misstrauisch. In Frankreich mag der Name eines von Napoleons Generälen für ein Restaurant nicht weiter auffällig sein. In Berlin wirkt der Name etwas schräg. So toll war es ja nicht von Napoleon bekriegt zu werden. Nun gut. Preußen ist ja auch schon länger vorbei.
Ich fahre also nach Mitte und bin zu früh (passiert mir selten). Da ich ohnehin früh verabredet war (damit der Abend schön lang ist), bin ich der erste Gast. Ich betrete das leere Lokal und bin spontan und augenblicklich bestürzt. Eigentlich möchte ich sofort wieder gehen. Habe ich mich irgendwie() geirrt?
Schon lange hat mich kein Lokal von seiner Einrichtung her so abgeschreckt wie die Auberge Maréchal Ney. Ich bin wirklich nicht gerne vernichtend, aber hier stimmt gar nichts! Zu hell erleuchtete uncharmante Räume eingerichtet mit klobigem neuen Holzmobiliar. Die Wände im Standardvanillegelb mit lieblos unzusammenhängenden Stuckreliefs dekoriert. Dazwischen vereinsamte Wandlampen und auf antik getrimmte Deckenleuchten. Eine merkwürdige Holzbar im Hintergrund. Wenn ich nicht verabredet gewesen wäre, ich wäre gegangen. Ja, so dramatisch. Da ich aber verabredet bin, setze ich mich erstmal an den kleinen Tisch vor dem Lokal und trinke ein Bier und warte. Meine reizende Begleitung kommt und versichert mir, das essen werde mich für alles entschädigen. Gottseidank!
Nach dem Studium der kleinen Speisenkarte, die sich wirklich nett und vielversprechend liest, entscheide ich mich für zwei Vorspeisen: die Bouillabaisse und eine Blutwust auf Sauerkraut. Meine reizende Begleitung wählt Jakobsmuscheln in Chilibutter und Seeteufel mit Reis und Spinat.
Wir bekommen einen Brotkorb mit sehr sehr gutem Brot und einen sehr ordentlichen Sauvignon Blanc von der Loire zum sympathischen Flaschenpreis von 20,00 €.  Meine Bouillabaisse wird getrennt serviert. Das heisst der Fisch liegt getrennt von der Brühe auf einem Teller. Das ist vielleicht schick, aber irgendwie unnötig. Zumal sich ziemlich schnell herausstellt,
dass die Suppenschüssel zu klein ist, um auch nur ein Viertel der Fischstücke zu fassen. Also wird der Fisch auf dem Teller kalt während ich versuche, immer gleichmässig Brühe und Fisch zu mir zu nehmen. Komplex das Ganze! Die dazu gereichte Rouille ist ganz wunderbar, aber angesichts der erfreulichen Menge an Fisch irgendwie zuwenig. Fazit: geschmacklich gut
und auch reichlich, aber in der Darreichung zu anstrengend und unausgewogen.
Die Jakobsmuscheln in Chilibutter meiner reizenden Begleitung schmecken wie mittelmäßig frische Jakobsmuscheln in mittelmäßig scharfer Chilibutter eben schmecken. No surprise there.
Meine Blutwurst kommt auf Sauerkraut mit ein paar konfierten Trauben daher und wird interessanterweise mit einer Art Remoulade (oder soll es gar eine Bernaise sein?) serviert. Die Blutwurst stammt aus dem Restaurant Zander und ist sehr fein. Fein von der Farce her und fein im Geschmack. 
Auch das Sauerkraut macht nichts falsch, dezente Säure, die Trauben passen gut. Die Remoulade/Bernaise ist ein bisschen heftig schwer dazu, aber insgesamt auch nicht verkehrt. Den Seeteufel meiner reizenden Begleitung probiere ich nicht, ich bin zu sehr mit meiner Blutwurst beschäftigt. Sie ist aber sehr zufrieden.
Ein Gang auf die Toilette offenbart diverse weitere Einrichtungmalheurs. Ich will gar nicht weiter draufrumreiten. Das ist wirklich schade! Denn die Küche hätte prinzipiell Potential, wenn sie sich ein bisschen mehr zutrauen würde auf dem Weg weg vom Klassischen. Aber so hats mich irgendwie nicht überzeugt.
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