Pferd ist in aller Munde – warum das nicht schlimm ist

Pferdefleisch erobert Europa! 

Mit einer beispiellosen Undercover-Offensive schafft die moderne Fleischverarbeitungsindustrie den Vermarktungs-Durchmarsch für Pferdefleisch: von der Pferdekoppel über die Tiefkühltuhe bis auf den Esstisch abertausender Fleischkonsumenten in ganz Europa. Die in unterschiedlichen Dosen vorgenommene Beimischung von billigerem Pferdefleisch zu teurerem Rinderfleisch ist mittlerweile eine europaweit verbreitete Praxis. Durch diesen gelungenen Coup sind unzählige Pferdekarkassen einer sinnvollen Verwendung zugeführt worden, mit dem schönen Nebeneffekt, daß trotz gestiegener Futter- (Weizenpreise!) und Energiekosten (Verarbeitung, Kühlung!) die Preise für günstige Hackfleischprodukte wie Burger, Lasagne und Ravioli nicht steigen mussten. Dass der preisbewusste Fleischkonsument dies nicht mit der eigentlich nötigen Dankbarkeit quittiert, liegt an mehreren bedauerlichen Schönheitsfehlern im System. 

Da ist zu einem die fehlende Aufklärung, auch Etikettenschwindel genannt. Die Fleischverarbeitungsindustrie hat es nämlich versäumt, den Konsumenten darüber zu informieren, dass Convenienceprodukte aus Hackfleisch im Preis steigen müssten, wenn darin reines Rinderhackfleisch verarbeitet würde. Im Falle einer Aufklärung hätte der Konsument die Wahl gehabt; zahlt er weniger gibt es eine Pferdefleischbeimischung, zahlt er mehr, gibt es reines Rindfleisch. Da hatte die Fleischverarbeitungsindustrie einfach kein Vertrauen in den Konsumenten. (Ähnliches ereignete sich vor einigen Jahren, als der sog. pink slime verarbeitet wurde)

Paradoxerweise bleibt nichts anders übrig, als dem durchschnittlichen Fleischkonsumenten ein übergroßes Vertrauen in die Fleischverarbeitungsindustrie zu attestieren. Oder eine übergroße Naivität. Wenn man 1 kg Bolognese Lasagne für 2,99 € kauft, welche Qualitäten kann man da reellerweise erwarten? Verständlicherweise möchte der Lasagnekonsument, dass Rindfleisch drin ist, wenn Rindfleisch drauf steht. Betrüblicherweise denkt er kein bisschen nach. Die Lasagne besteht aus gekauften Zutaten, sie ist von Menschen produziert worden, in einer großen Fabrik, sie ist tiefgekühlt transportiert und gelagert, sie ist verpackt. Das alles kostet. Und man will damit Gewinn machen. Der Lieferant, der Produzent und der Verkäufer. Bei 2,99 € pro Kilo. Äh, nun ja. Eben.

Im Zeitalter des Aufschreis wird aufgeschrien. Es ist ja auch wirklich nicht schön, angelogen zu werden. Und es ist kriminell als Lieferant oder Produzent zu lügen. Doch wie sagte meine Oma so treffend? Es gehören immer zwei dazu.

Idealerweise hat der Pferdefleischskandal auch eine positive Seite. Oder gleich zwei, oder drei. Die Schlupflöcher für Betrug könnten enger werden, wenn Behörden weniger Verständnis für die Machenschaften der Lebensmittelindustrie zeigen. Der Konsument könnte seine Empörung positiv kanalisieren und sein eigenes Kaufverhalten auf den Prüfstand stellen. Weniger Fleisch, besseres Fleisch. 

Letztere Überlegung könnte sogar partiell zu einem unverkrampfteren Verhältnis zu Pferdefleisch führen. Schliesslich ist es auf dem Markt ganz offensichtlich in großen Mengen vorhanden, es ist günstig und, wenn nicht medikamentös behandelt, auch gesund. Mager und eisenhaltig. Es schmeckt gut, milder und süsslicher als Rindfleisch. Entspricht also eigentlich völlig dem modernen Geschmackszeitgeist. Es ist ja auch nicht so, als hätte irgendjemand mal den Geschmack der betroffenen Produkte bemängelt.

Hinderlich ist natürlich, dass Pferde, im Gegensatz zu Kühen, in unseren Breitengraden als Freunde des Menschen zählen. Den Status möchte man ihnen defintiv nicht nehmen. Immerhin ertragen diese wirklich bewundernswerten Tiere den monotonen Reitunterricht unserer Kinder und das gewiss anstrengende Training für Dressurreiten und Pferderennen. Da ist es schon besser, sie sind unsere Freunde.

Reaktionen auf den Pferdefleischskandal zeigen auch, dass viele, insbesondere weibliche Konsumenten, zukünftig auf Fleisch komplett verzichten. Das ist gewissermassen verständlich und auch nicht schlecht. Es gilt den globalen Fleischkonsum zu reduzieren. Es ist doch nur gut, wenn in Europa auf Fleisch verzichtet wird, während in traditionell eher vegetarisch orientierten Ländern wie Indien der Fleischkonsum steigt. 

Always look on the bright side of life! Das sangen schon die alten Römer. Die haben übrigens auch Pferdefleisch gegesssen..

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