Vermouth im Trend – meine neuen Favoriten. Gescoutet auf der Bar Convent Berlin

Ob es eine Korrelation zwischen Staatsschulden und Aperitifkultur gibt? Länder in südlicheren Gefilden haben zwar deutlich mehr Schulden, produzieren aber auch (schon seit Jahrhunderten) die deutlich besseren Aperitifgetränke. Während man sich in Deutschland vielleicht mal ein Feierabendbier gönnt (gerne auch zu Hause vor dem Fernseher) trifft man sich in Italien und Spanien am frühen Abend auf Aperitivo und in Südfrankreich auf ein Aperitif. Nein, dass ist kein Klischee! Jeder der in Venedig, Mailand, Marseille oder Madrid ab 18:00 Uhr in eine vorwiegend von der einheimischen Bevölkerung frequentierte Bar geraten ist, weiß wovon ich spreche. Man hat Feierabend und trifft sich in seiner Lieblingsbar. Dort warten kleine Häppchen an der Theke und getrunken wird kein Bier (zu banal) und kein Wein (trinkt man zum Abendessen) sondern eben ein Aperitif. Meistens ein Vermouth oder Vermut oder Vermout. Oder Wermut.

Ein Vermouth ist ein auf Wein basierendes Getränk, das mit Kräutern und Aromaten versetzt ist und mit Alkohol auf ca. 18% „aufgespritet“ wurde, damit der Feierabend auch Spaß macht. Die Kräutermischungen hält jeder Hersteller so geheim wie Coca-Cola sein Rezept. Aber eine Zutat haben sie alle gemeinsam: das Wermutkraut mit seinen interessanten Bitterstoffen.

Wir alle kennen Martini. Das ist ein italienischer Klassiker; üppig und süß. Etwas weniger bekannt ist der französische Klassiker Noilly Prat. Trocken, sehr, sehr trocken. Und eine der Zutaten zum James Bond Martini, der wiederum mit dem italienischen Martini überhaupt nichts zu tun hat. In Spanien gibt es zwar viele Vermut-Produzenten, aber keinen richtig international bekannten und die deutschen Wermut-Marken aus den 1920iger Jahren sind alle ausgestorben. Mangels Nachfrage.

Das kann sich aber ändern. Denn Vermouth rudert sich zurück! Im Zuge der auch im Barbereich zu beobachtenden Hinwendung zu individuelleren Getränken von kleineren zum Teil handwerklich produzierenden Betrieben, erleben diese eine Renaissance. Und Start Ups trauen sich in die Nische die durch die Suche nach mehr Individualität und der damit verbundenen Abwendung von den herkömmlichen Marken entsteht.

Auf der soeben statt gefundenen Bar Convent Berlin, der mittlerweile sehr sehr gut etablierten Fachmesse für Bartender und Getränkeproduzenten, habe ich mich ein bisschen nach dem neuen Vermouth Angebot umgeschaut, oder besser gesagt umgetrunken! Hier sind meine Entdeckungen:

Die neue französische Marke La Quintinye Vermouth Royal stammt aus der Charente, einem traditionellen Weinanbaugebiet aus dem auch der Cognac stammt. Der Vermouth basiert natürlich auf Weinen aus der Gegend. Im Portfolio haben sie klassisch einen blanc, einen blanc dry und einen rouge sowie dazu noch einen trendgemäßen rosé. Die beiden weißen Vermouths sind sehr schlank und gleiten ein wenig zu schnell auf der Zunge. War da was? Natürlich ist der eine süßer als der andere, aber die Zunge registriert keine Aufregung. Der rosé ist ein bisschen aufregender, vielleicht auch weil das Hirn angesichts der Vermouth-Rosé Premiere aufgeregt ist. Aber da ist auch mehr Geschmack, ein bisschen was florales, ein bisschen was zitroniges. Der Rouge liegt dann aber richtig stark auf der Zunge, hier ist Süße mit Bitternoten und Säure gut komponiert. Ein paar Eiswürfel et voilà ein trés guter Aperitif!

Der nächste Vermouth ist tatsächlich einer aus Deutschland! Namens Belzasar: „Der Marketing Text liest sich so: eine Myriade von Geschmacksknospen und zahllose Verköstigungen – BELSAZAR ist das Ergebnis intensiver Recherche und beherzter Experimentierlust. In enger Zusammenarbeit mit Barkeepern, Experten und befreundeten Connaisseuren führte der Weg von den ersten Prototypen zu vier finalen Produkten, die unseren gemeinsamen Ansprüchen mehr als gerecht werden. Ob Dry, Red, Rosé oder White, ein BELSAZAR kann immer mit seinem individuellen Aromaprofil punkten – im Mix und auch als Purgenuss.“
Das ist sehr vollmundig getextet!! Ganz ehrlich bin ich hier enttäuscht. Keiner der Sorten löst auch nur ein bisschen an Aufregung am Gaumen hervor. Die sehr freundliche Frau am Stand versichert, dass Anregungen noch entgegen genommen werden, das Produkt sei noch in der Entwicklung. Normalerweise berechne ich für Produktentwicklung ein Honorar! Dennoch kommentiere ich freundlich, dass hier noch etwas fehlt. Geschmack!

Zwei Stande weiter finde ich ihn, den Geschmack! Bei Oscar 697 aus Italien. Weiss der Kuckuck warum der Vermouth Oscar 697 heißt. Aber er ist exzellent!!!! Es gibt einen weißen und einen roten. Und beide sind aufregend. Der weiße hat eine Holunderblütennote und auch wenn ich der Holunderblüte ein bisschen überdrüssig bin, bei diesem weißen Vermouth ist sie geschmacklich sehr gut eingebunden. Da ist nicht nur Süße, da ist auch Frische, Säure und eine leichte Bitterkeit. Alles auf einmal! Geschmacklicher Wagemut! Ach und dann probiere ich den Rosso. Danach kann alles einpacken. Der ist scharf! Der hat Lakritze! Wow! Was soll ich sagen; die Italiener können es!

Es gibt noch ein weiteres italienisches Highlight: der im Fass gereifte Vermouth von Mancino. Der Bianco und der Rosso sind beide gut, aber der gereifte Rosso ist besonders! Es gibt derzeit nur 800 Flaschen, seinen Anteil sollte man sich also schnell sichern. Holznoten in einem Vermouth sind wirklich nicht zu verachten!

Abschliessend möchte ich nur kurz bemerken, dass in Madrid die Bars, die Vermouth aus dem Zapfhahn servieren quasi aus dem Boden sprießen! Auch ein Trend für Deutschland?

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