SCHWEIN – Das große Kochbuch von Wolfgang Müller

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Das ist mein zweiter Beitrag zur 2. Blogger-Themenwoche “Jeden Tag ein Buch”.

Irgendwann mal, es ist schon ein paar Jahre her, habe ich beschlossen, keine Kochbücher mehr zu kaufen. Ich habe tatsächlich von einem Tag auf den anderen damit aufgehört. Einfach so! Ich bin schon ein bisschen stolz darauf, dass es mir gelungen ist, wenigstens eine Sucht in meinem Leben zu überwinden. Meinen Eltern wäre es wahrscheinlich lieber gewesen, wenn ich mit dem Rauchen Schluss gemacht hätte, oder zumindest mit dem Trinken. Aber die hatten ja auch nicht mit dieser Platznot im Bücherschrank zu kämpfen und mit den vorwurfsvollen Blicken ungelesener Kochbücher. Tagein tagaus schlich ich in meinem Arbeitszimmer voller schlechtem Gewissen vorbei an den Stapeln schönster jungfräulicher Bücher voller wunderbarer Bilder und köstlicher Rezepte und hörte sie förmlich seufzen: „Wenn sie mich doch nur lesen oder wenigstens durchblättern würde,.. ach nur ein einziges Mal!“ Trotzdem konnte ich beim nächsten Besuch in einem Buchladen oder schlimmer noch, nachts beim Online-Shopping, nicht widerstehen und tat es wieder und wieder und wieder: ich kaufte völlig haltlos Kochbücher. Bis es mir in einem seltenen Aufgebot innerer Stärke gelang, der Kochbuch-Kaufsucht einen Riegel vorzuschieben. Man darf sie mir schenken und mittlerweile lese ich sie auch. Aber Kaufen? NIEMALS.

Ich gestehe: Neulich bin ich rückfällig geworden. Nichts deutete darauf hin. Entzugserscheinungen hatte ich schon lange überwunden und ich war ganz glücklich mit meinem vorhandenen Kochbuchbestand. Und doch tat ich es. Es war an einem banalen Wochentag in einer banalen Einkaufspassage. Ich hatte kurz vor Ladenschluss noch dringend benötigte Druckerpatronen ergattert und lief an einer Buchhandlung vorbei dem Ausgang zu. Dann sah ich es. Es lag nur leicht verdeckt in einer Kiste mit Mängelexemplaren und starrte mich an. Das SCHWEIN. Was soll ich sagen? Ich habe es aus der Kiste gerettet und mit nach Hause zu den anderen Kochbüchern genommen. Da ich diese inzwischen gelesen habe, konnte ich auch das SCHWEIN lesen. Hier ist mein Bericht:

SCHWEIN – Das große Kochbuch von Wolfgang Müller ist ein 2010 erschienenes Kochbuch in dem es nur um das Eine geht: SCHWEIN!

Mit dem Kochbuchautor Wolfgang Müller verbindet mich unbekannterweise eine merkwürdige Wendung des Schicksals. Kurz nachdem er einen Stern im Restaurant Adermann in Mitte erkocht hatte, musste es im Jahr 2002 schließen. Was für ein Schlag!!! Da jahrelang kein neuer Pächter für die Räume gefunden wurde, vermietete der Verwalter die Profiküche. Unter anderem an mich und meine erste Firma Feinkost Brandes.

Wolfgang Müller hat seitdem gottseidank kulinarisch noch so einiges auf die Beine gestellt.
Unter anderem hat er dem Schwein mit seinem Kochbuch ein Denkmal gesetzt. Das Buch ist nichts für zartbesaitete Kochseelchen, denn Wolfgang Müller ist Metzger. Einer mit Respekt vor dem Tier. Seine Schweine haben ein würdiges Dasein auf einem Bauernhof in Brandenburg bevor er sie persönlich schlachtet. Dem ist auch ein ausführliches Kapitel gewidmet. Zu Recht wie ich finde. Wenn man Fleisch isst, sollte man sich damit auseinandersetzen wie das Tier gelebt hat und wie es geschlachtet wurde.

Als Metzger kennt sich Wolfgang Müller natürlich besonders gut mit den Einzelteilen des geschlachteten Tieres aus. Die werden ausführlich auf Fotos porträtiert. Endlich lerne ich was die Wamme ist und was der Unterschied zwischen Backen und Bäckchen. Auch was grüner Speck ist, weiß ich jetzt. Die Innereien werden alle beschrieben, denn Wolfgang Müller verwertet alles vom Schwein, from nose to tail wie das heutzutage heißt.

Mein großes Faible für Innereien habe ich hier ja schon öfter thematisiert. Dafür gibt es zwei anerkannte Gründe: 1. ich bin ich Spanien aufgewachsen und 2. meine Mutter ist großer Siebeck Fan. Das hat sich quasi in mir potentiert.

Oh ich vergaß: Bevor es in dem Buch überhaupt zum Schlachten kommt, werden die unter Feinschmeckern beliebtesten Schweinerassen vorgestellt. Vom beinahe ausgestorbenem Bunten Bentheimer, über das putzige Wollschwein aka Mangalitza, bis zum trendigen Cerdo Iberico. Viele dieser Rassen wären heute ausgestorben, wenn es nicht eine neue Nachfrage durch Liebhaber wirklich guten Fleisches gäbe.

Bei der Fotostrecke zum Zerlegen wird Wolfgang Müller unterstützt von Jörg Staroske, der ein sympathischer handwerklich arbeitender Berliner Metzger ist, auch wenn er kein BioFleisch verkauft und offensichtlich den Geschmacksverirrungen der deutschen Berufsbekleidung erlegen ist (aaarggghhhh ein gestreiftes Outfit mit orangefarbenen Knöpfen und Applikationen, wie unwürdig ist das denn bitte????).

Dann kommen endlich die Rezepte. Sehr schön fotografiert von Florian Bolk einem meiner Lieblingsfoodfotografen (das habe ich erst gemerkt, als das Buch zu Hause war ;)) Beim FoodStyling würde man heute wahrscheinlich manches anders machen, dabei ist das Buch erst drei Jahre alt. Krass oder? Wie schnell die Trends hier vorbeifliegen???

Jedenfalls sind die Rezepte genau mein Ding. Viel hausgemachte Wurst (ich liebe Wursten!), viele Innereien und starke Kombinationen. Das Hinsoufflé werde ich ausprobieren, sobald ich irgendwo Hirn herbekomme. Blutwurst und Oktopussalat sind an Weihnachten dran, vielleicht auch die Schweinebacken in Rotweinsauce?
Dann gibt es noch Klassiker wie Saumagen, Spare Ribs, Krustenbraten, Schlachteplatte und und und..

Auch die Desserts orientieren sich am Schwein. Hier bin ich mir nicht sicher, ob ich das nicht ein bisschen zu ulkig finde. Gebackene Schweineohren aus Blätterteig, geeister süßer Saumagen…. Konsequent ist es schon!

Nur eines hätte ich am Buch anders gemacht; die Aufteilung der Rezepte in Vorspeisen, Zwischengang, Suppen, Hauptgang und Dessert ist ein bisschen konservativ und man sucht recht lange z.B. nach Innereien. Hier hätte ich andere Unterteilungen gewählt. Vielleicht nach Zubereitungsarten? Oder noch besser nach Stücken von Kopf bis Schwanz!

Schwein
Wolfgang Müller
Umschau Verlag
EUR 39,90
ISBN: 978-3-86528-706-9
24,8 x 28,6 cm Hardcover mit besonderer Prägung, Lesebändchen

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4 Kommentare

  1. bushcook · November 16, 2013

    Danke, danke, danke für die Rezension. Ich liebe dieses Buch und Wolfgang Müller ist einfach ein Erlebnis 🙂

  2. Florian Bolk · November 19, 2013

    Liebe Cathrin,

    gehts Dir besser? ich hrte Du warst erkltet- super Rezension- vielen Dank.

    Liebe Gre Florian

    Le Schicken Magazin Florian Bolk, Herausgeber Horstweg 26 14059 Berlin Tel: 030 3215605 Mobil: 0171 8322344 http://www.le-schicken.de foto@le-schicken.de

    Der Le Schicken Verlag prsentiert: Die Stadt kocht – Das Berlin-Kochbuch Mehr Infos unter http://www.diestadtkocht.de

  3. pinkorigami · November 26, 2013

    …wie wäre es mal mit einem KochbuchXchange? Ich wäre dabei…
    Denn, ich bin noch in der Suchtphase – wenn auch nicht mehr so extrem wie vor ein paar Jahren… 😉

    • berlintidbits · November 26, 2013

      kochbücher und küchengeräte sind auf der foodXchange zum Tausch zugelassen 😉

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