From nose to tail in Madrid – Casquería Oscar

In einer klitzekleinen Seitenstraße von Lavapiés, einem der ältesten und ursprünglichsten Stadtviertel von Madrid, habe ich meinen Traumladen gefunden. Dass es das noch gibt! Es ist ein winzig kleiner Laden mit Tradition und viel nostalgischem Flair. Ein Familienbetrieb aus den 30iger Jahren des 20. Jahrhunderts. Fortgeführt von den Enkeln der Unternehmensgründer. Die appetitliche Auslage bietet alles, wirklich alles was das Herz begehrt. Inkl. dem Herzen selbst. Vom Kalb, vom Lamm und vom Schwein. Der winzige Laden ist ein Paradies für Freunde von Innereien. Und wahrscheinlich für viele meiner Freunde, Bekannten und Leser ein kleiner oder großer Albtraum aus starr blickenden Schafsköpfen, weißlichen Kalbszungen und glänzenden Stierhoden.

Ach, die wenigsten wissen noch, dass Berlin einst den größten pro Kopf Verzehr an Kuheutern deutschlandweit zu verzeichnen hatte. Das sogenannte Berliner Schnitzel war nichts anderes als panierter Kuheuter. Historische Aufnahmen der Markthalle Neun belegen, dass da wo wir uns heute zum Street Food Thursday treffen, um internationales Street Food zu verzehren, sich an vielen der Marktstände die Euter und Innereien stapelten. Bis weit in die Nachkriegszeit. Was würde passieren, wenn man beim Street Food Thursday panierte Kuheuter anböte? Aus heutiger Sicht ginge es kaum exotischer.

(Leider sind die Euter auf den alten Bildern der Markthalle nicht zu erkennen. Dafür aber die Schweineköpfe)

In Deutschland hat uns der wirtschaftliche Aufschwung in den 60igern einen völlig verzerrten Fleischgenuss beschert. Weil wir es uns leisten können, essen wir zu viel Fleisch und hauptsächlich nur „edle Teile“ wie Kotelett, Steak und Filet. Die Fleischindustrie hat uns von den Tieren, die uns das Fleisch liefern, entfremdet. Damit wir alle unabhängig vom Einkommen täglich jede Menge an Fleisch essen können, ist eine perverse Massentierhaltung entstanden, der jeglicher Respekt vor Tieren abhanden gekommen ist. Wir lassen uns von einer abstrakten und abartigen Tötungsmaschinerie durch bunte Marketingbilder ablenken und finden alles eklig, was uns daran erinnert, dass wir ein Tier essen. Der Gipfel des Abartigen mündete dann in der „BSE-Krise. Spätestens seitdem ist für die Meisten der Verzehr von Innereien tabu. Aber nicht nur aus Angst vor BSE. Wenn man ein Herz oder ein Hirn isst, lässt es sich einfach nicht mehr leugnen, dass ein Teil von einem Tier auf dem Teller liegt. Ein in Plastik abgepacktes Stück schieres Fleisch oder eine Wurst ist viel abstrakter und mental einfacher zu verdauen.

In Spanien hat sich die Tradition, auch die sogenannten weniger edlen Teile der Tiere aufzutischen, ungebrochener gehalten als hierzulande. Wirtschaftlicher Aufschwung und die einhergehende Industrialisierung der Tierhaltung haben erst seit den 80igern stattgefunden. Ein Großteil der älteren Bevölkerung und viele Einwanderer aus Südamerika haben vom  Aufschwung nicht unbedingt profitiert und an ihren Essgewohnheiten hinsichtlich der günstigeren Innereien festgehalten. Jetzt in Zeiten der Krise ist die Nachfrage nach Innereien deutlich gestiegen, kann man in der spanischen Presse lesen. Gerade in den weniger wohlhabenden Viertel der Stadt findet man auf Märkten und in spezialisierten Metzgereien, den Casquerias, nicht nur Kutteln (callos a la madrileña ist eines der traditionellsten Gerichte der Hauptstadt)  und Leber, sondern auch Zunge, Herz, Lunge, Füße, Hoden, Bries, Nieren und Hirn. Wenn einer der beliebten spanischen Fernsehköche in seiner Sendung Schweinefüße zubereitet, sind diese am nächsten Tag in der Casquería Oscar ausverkauft.

Es ist schön, dass in der internationalen kulinarischen Szene die Innereien wiederentdeckt werden. Ein Verfechter der frühen Stunde ist Fergus Henderson, der in seinem Lokal St Johns in London den Begriff „Nose to tail eating“ schon in den 90igern geprägt hat. Mittlerweile servieren die meisten Köche, die etwas auf sich halten, selbstverständlich Bries, Kutteln und Nierchen. Auch getrockneten und geriebenen Rentierpenis habe ich schon auf der Speisenkarte gesehen. Von der Nase zum Schwanz hat der Schwede Björn Frantzen eben sehr ernst genommen.

Casqueria Oscar, Calle Encomienda, 1, 28012 Madrid, http://www.casqueriasoscar.es

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s